Computer und Sprache:"Auf ewig im Text verloren"Die Computerpioniere wollten Rechenmaschinen bauen. Entstanden ist ein multimediales Universalwerkzeug, das in seinem Kern zwar rechnet, aber viel mehr Bilder und Buchstaben auf den Bildschirm projiziert als Zahlen. Was geschieht der menschlichen Sprache, wenn sich die digitale Maschine in sie verbeisst? Was geschieht dem Autor, wenn er seine Texte in die unsichtbaren Datenräume sendet? Der Schriftsteller, Internet-Publizist und einstige Computerfachmann Emil Zopfi macht sich Gedanken und stellt sie zur Debatte. Umbruch Vor 20 Jahren schrieb ich meinen ersten Roman aus der Computerwelt, "Jede Minute kostet 33 Franken", ich schrieb den Text von Hand, tippte ihn auf einer mechanischen Schreibmaschine, schnipselte am Ende das Manuskript mit Schere und Kleister zusammen. Obwohl ich schon seit zehn Jahren mit Computern arbeitete, wäre es mir niemals in den Sinn gekommen, auf einem Computer einen Text zu schreiben. Ich schrieb Programme. Bei der Diskussion um den Titel entschieden wir uns sogar, das Wort Computer zu vermeiden, um Leserinnen und Leser nicht abzuschrecken. Computer waren Rechenmaschinen, kompliziert, unverständlich, bedrohlich. Die Textteile eines meiner letzten grösseren Werke, meines Londoner Tagebuchs Lond-on-line, habe ich täglich aufs Internet gespeist, es existiert nicht in gedruckter Form noch nicht vielleicht. Es ist ein sogenannter Hypertext. Während des Schreibens bekam ich per E-mail Echo und Anregungen aus aller Welt. Selbst Tippfehler wurden mir mitgeteilt. So haben sich also Werkzeug und Medium des Autors in nur zwanzig Jahren radikal verändert. Dank oder wegen des Computers. Rechner Sicher ist: Die Computerpioniere wollten nicht Sprach-, sondern Rechenmaschinen bauen. Konrad Zuse zum Beispiel, der Konstrukteur des ersten funktionstüchtigen Computers, nannte seine Maschinen "Rechenplangesteuerte Rechenanlagen". Seine Z3, ein elektromechanisches Klapperwerk, das er 1941 erfolgreich in Betrieb nahm, gilt als erster programmierbarer Rechner der Geschichte. Der Nachfolger Z4 kam 1949 ans Institut für angewandte Mathematik der ETH, der Computer blieb vorerst fest in den Händen der Mathematiker. Niklaus Wirth, Professor am Institut für Informatik der ETH, Schöpfer der Programmiersprachen Pascal und Modula, bezeichnet den Computer als "mathematische Maschine". Alan Turing, einer der bedeutenden Mathematiker des Jahrhunderts, die grosse, tragische Gestalt in der Geschichte der automatischen Rechner, beschäftigte sich mit Sprache: Seine Computer knackten im zweiten Weltkrieg den Code der Deutschen Wehrmacht auf der Gegenseite machte der Gefreite Konrad Zuse erfolglos Vorschläge zur Chiffrierung militärischer Fernschreiben. Howard H. Aiken nahm am 7. August 1944 an der Harvard-Universität den ersten programmgesteuerten Rechner der USA in Betrieb, den Mark I, ein elektromechanisches Ungetüm aus 700'000 Einzelteilen, finanziert von der Armee und der IBM. Die Maschine, auch Automatic Sequence Controlled Computer genannt, besass als Daten- und Programmeingabe bereits einen Lochkartenleser und als Ausgabe eine elektrische Schreibmaschine. Die Buchhalter, Planer und Statistiker, die schon seit Jahrzehnten Lochkartentabulatoren und Schreibmaschinen einsetzten, wollten auf ihren Computerlisten nicht nur Zahlen, sondern auch Text lesen. Die automatische Rechner mussten sich also von allem Anfang an wohl oder übel auch mit Buchstaben beschäftigen. Vielleicht wurde damals in Harvard das alte Wort "Computer" für die neue Sache eingeführt, beinahe wäre es jedoch wieder in Vergessenheit geraten, denn bei den Präsidentschaftswahlen von 1952 lieferte ein Computer der UNIVAC so gute Resultate, dass "für kurze Zeit der Markenname UNIVAC gute Aussichten hatte, sich im allgemeinen Sprachgebrauch durchzusetzen" erinnert sich der amerikanische Autor Theodore Roszak. Im Deutschen hielt man noch knochenhart am "Rechner" fest, als Computer schon längst nicht nur rechneten, sondern viele andere Dinge erledigten. Als Ted Hoff für INTEL den ersten Microcip INTEL 4004 entwickelte, tat er das im Auftrag des japanischen Tischrechnerherstellers Busicom. Also auch der Microprozessor, 1971 auf den Markt gekommen, hatte die primäre Aufgabe zu rechnen. Programmieren Anfangs der fünfziger Jahre entdeckten auch die Mathematiker die Vorzüge Buchstaben. Das Programmieren der programmierbaren Rechner mit Wörtern statt mit Zahlen erwies sich als ausserordentlich produktiv, die Programmiersprachen ALGOL, COBOL, FORTRAN & Co. entstanden. Die Metapher vom Programmieren als dem Formulieren eines Problems in einer Sprache, die die Maschine "versteht", tauchte auf. Der KI-Forscher und Computerpädagoge Seymour Papert schreibt zwanzig Jahre später: "Computer programmieren heisst nicht mehr und nicht weniger, als mit ihm in einer Sprache kommunizieren, die sowohl er als auch der menschliche Benutzer verstehen kann." Und Joseph Weizenbaum schrieb: "Programmieren ist ein Test auf das Verstehen. In dieser Hinsicht gleicht es dem Bücherschreiben." Sind also etwa Computersprachen die neuen Weltsprachen, wie das Inserat eines Fernlehrinstitutes vorschlägt? So simpel ist es wohl kaum. Computersprachen sind Kunstsprachen, und in ihnen lässt sich nicht über Gott und die Welt sprechen, sondern nur über Bit und Byte und das Drum und Dran von Hardware und Software. Die Begriffe, mit denen Computerfachleute um sich werfen, handeln nicht von der sinnlich fassbaren Welt, sondern von den unsichtbaren Signalen und Speicherzellen und Informationen. Der Volksmund nannte den Slang schnell einmal "Computerchinesisch", vielleicht in weiser Vorahnung, dass der Computer uns zur Bilderschrift zurückführen wird, in der unsere aufgezeichnete Sprache schliesslich wurzelt. Anfang der achtziger Jahre war es schon so weit. Das Bild, das gemäss einem Gemeinplatz mehr sagen soll als tausend Worte, verdrängte diese von den Bildschirmen. Die Symbolsprache von MAC und Windows wurde zur eigentlichen Weltsprache. Wie einst. Denn die fast zweitausen Jahre alten Bilderschriften der Mayas und die moderne Benuterzoberfläche unterscheiden sich gar nicht so stark. Sie erzählen in Bildern von der Welt. Und beides ist Silizium-Technologie. "Wie können Sie denn das vereinbaren: Computer und Schreiben?" werde ich oft gefragt. Denn Programmierer schreiben in der Regel keine Bücher abgesehen von Handbüchern. Und doch schreiben sie, und das Schreiben von Programmcode wurde in den frühen siebziger Jahren zum Problem. Als man von den handlichen Lochkarten zur direkten Dateneingabe am Bildschirm überging, wurde plötzlich Software benötigt, die das Korrigieren, Einfügen, Löschen von Programmzeilen erlaubte, was mit den Lochkarten sehr einfach gewesen war. Es tauchten die Programmeditoren auf. Ich habe am Arbeitsplatz programmiert und zu Hause auf meiner "Adler" in mühseliger Arbeit Bücher getippt, doch es wäre mir nie in den Sinn gekommen, dass ich auf dem Editor meine Texte viel bequemer verfassen könnte. Schade, denn die Idee lag eigentlich auf der Hand. Andere hatten sie und sind damit reich geworden. Schreiben Paul Lutus zum Beispiel, ein ehemaliger Nasa-Ingenieur und Aussteiger. 1976 zog er in den Busch von Oregon und baute sich eine Waldhütte. "Eines Abends, als ich im gelben Schein der Petroleumlampe den Scientific American las, sah ich eine Anzeige für den Apple II. Hui, dachte ich, ein Personal Computer! Mit einem Computer konnte man eine dreidimensionale Welt aus bunten Strichen zeichnen. Geschichten schreiben..." Er bestellte sich das Gerät und schrieb auf seiner Waldhütte eines der ersten Textprogramme, den Apple-Writer, und verkaufte es für 7500 Dollar dem Hersteller. Zwei Jahre später schrieb er eine neue Version und stellt in einem Aufsatz fest: "Während ich dies schreibe, wirft die neue Fassung am Tag mehr an Tantiemen ab, als der ursprüngliche Verkaufspreis ausmachte." Eigentlich leitete die Entdeckung des Computers als Sprach-Werkzeug die lawinenartige Verbreitung der Personal-Computer ab 1980 ein. Denn was wäre der PC ohne die Möglichkeit, ihn als Schreibmaschine zu benutzen? Drei Viertel aller PC werden für die Textverarbeitung eingesetzt. Aus dem "Rechner" ist definitiv der "Schreiber" geworden. Denn Schreiben und Tippfehler korrigieren, darunter kann sich jeder etwas vorstellen, das ist etwas Brauchbares auch im Alltag; Rechnen dagegen liebt kaum jemand und können müssen es nur noch Devisenhändler und Serviertöchter. Stil Nach der ersten Textverarbeitungs-Euphorie stellte sich die Frage: Wie beeinflusst das Sprachwerkzeug Computer unsere Sprache? Ist es wirklich so, dass der Macintosh "saloppen Schreibstil fördert und schwammige Themen, einfache Satzstrukturen und ein kindliches Vokabular", wie eine Untersuchung der Universität von Delware 1990 behauptete, der IBM-PC dagegen weniger. Es hänge mit der grafischen Oberfläche zusammen und vielleicht hat die These, dass wir wieder zur Bilderschrift, also zum Vor-Alphabetismus zurückkehren, wirklich etwas für sich. Auch wenn man es nicht so dramatisch sieht: Der Computer beeinflusst den Stil, das ist gewiss. Nur wie weiss so genau niemand. Schon bei der Schreibmaschine gab es nur Vermutungen. Zum Beispiel, dass die Schreibmaschine für den "kargen Stil des Ernest Hemingway" verantwortlich gewesen sei, da er "einer der ersten Schriftsteller war, die in die Maschine tippten". Das schreibt der Stilist Wolf Schneider, der übrigens den Computer eine "elektronische Schlampe" nennt. "Der Computer begünstigt einen schlampigen Umgang mit der Sprache, das im Durchschnitt schlechtere, ärmere Deutsch". Sein Hamburger Journalistenkollege Dieter Zimmer stellt sich in seinem Buch "Die Elektrifizierung der Sprache" ebenfalls die Frage: "Verändert der Computer das Schreiben?" Er beobachtet einen "Qualitätssturz." Die Zahl der Tippfehler in computergeschriebenen Texten überschreite oft alles Gewohnte, und da hat er sicher recht. Denn durch die Leichtigkeit des Korrigierens, das man auf später delegiert, bleibt vieles vorläufig und auch im Vorläufigen stecken, weil es schön lasergedruckt schon so fertig aussieht. Durch das Korrigieren entstehen eine Vielzahl computertypischer Fehler, weil man offenbar nicht nur schlampig schreibt, sondern auch schlampig korrigiert. "Claire hat das nie so etwas gesagt", lese ich in einem meiner Manuskripte. "Claire hat das nie gesagt", hiess es, "Claire hat nie so etwas gesagt", sollte es heissen. Die Schlampigkeit macht daraus einen sinnlosen Satz. Trotzdem: "Tipppfeleren Sie jetzt nach Herzenslust. Tippfehler werden belohnt", warb der Mathematiker Hannes Keller einst für sein Textprogramm "Witchpen" und verkaufte die Schlampigkeit im Umgang mit der Sprache gar als Tugend. Allerdings hat es sich für ihn geschäftlich schliesslich doch nicht gelohnt, nun versucht er sein Glück als Politiker. "Das Gefühl für Rechtschreibung überhaupt scheint sich aufzulösen", schreibt Zimmer. Vielleicht brach bei der sanften Rechtschreibreform ein derartiges Lamento los, weil man sich den letzten Rest nicht auch noch nehmen lassen will. Denn immer mehr Sprachkompetenz haben wir an die Maschine delegiert. Rechtschreibung? Kein Problem, dafür haben wir ja das Rechtschreibprogramm mit Thesaurus. Sprachkompetenz wird eine Frage des Habens, nicht des Könnens. Selbstverständlich ist für die neue Rechtschreibung schon Software im Umlauf. Beim Ortograf! kann ich sogar zwischen konservativer und progressiver Korrektur wählen, also ob das Programm Spaghetti oder Spagetti schreiben soll. Trefferquote 70 bis 80 Prozent. Das ist wahrscheinlich mehr, als wir selber schaffen. Doch dass die Maschine, wenn es um Rechtschreibung und Korrektheit geht, auch Fehler macht, macht sie uns eigentlich sympatisch. Zum Beispiel wenn sie uns für "Sophokles" den Korrekturvorschlag "Schöpfkelle" macht, wie PageMaker, wird sie geradezu menschlich. Bloss Sinn und Unsinn kann die Maschine nicht unterscheiden. Wir zwar auch nicht immer. Schreibstrategie Dieter Zimmer beobachtet eine grössere Geschwätzigkeit der Autoren, gefördert durch die unendliche Leichtigkeit des Schreibens am PC. "Jedenfalls haben manche Computerschreiber bekannt, das ihre Briefe oder Artikel oder Bücher irgendwie länger geworden seien, seit die Maschine auf ihrem Schreibtisch steht." Jedenfalls stellt jeder am Schirm tippende Autor fest, dass die Textmenge in der Regel rasch wächst, und die Mühsahl erst beginnt, wenn die "textliche Bastelarbeit" (Zimmer) Form und Mass bekommen soll. Der "Rausch des Korrigierens" (Zimmer) wird dann schnell zum Kater. Der Eindruck Zimmers, dass die Texte länger werden, wird durch einen Blick auf die Seitenzahlen neuerer deutscher Literatur erhärtet. Wer heute nicht mit tausend Seiten auftritt ist ein Niemand. Es genügt schon, wenn sie so locker gedruckt sind wie Handkes "Jahr in der Niemandsbucht." Karge Inhalte lassen sich heute blitzschnell mit Zeilenabstand und Schriftgrösse zu beeindruckender Grösse aufblasen. Das Schreibwerkzeug beeinflusst nicht nur den Stil, sondern noch mehr die Schreibstrategie. Damit meine ich die Art, wie ich ein Textproblem löse, zum Beispiel einen Roman. Die Vorläufigkeit der ersten Niederschrift, die vielleicht erst ein Gerüst ist, mit der Gliederungsfunktion erstellt, bedingt in der Regel eine längere Arbeit am Text. Je mehr Computer ich einsetzte, desto länger brauchte ich bis zum fertigen Manuskript. Schreiben wird immer mehr vom linearen zum parallelen Arbeiten. Der Text entsteht ähnlich wie eine Skulptur, zuerst in Umrissen, dann immer deutlicher, genauer. Oft wird bemängelt, am Computer fehle die Übersicht, da der Bildschirm nur einen kleinen Textausschnitt zeige. Das stimmt für den Augenblick des konkreten Arbeitens. Durch die längere und intensivere Auseinandersetzung mit dem Ganzen, das Zurücktreten, Zurückspringen, Strukturieren, kann die Übersicht sogar besser werden, während das Gefühl für den Sprachfluss, den Bewusstseinsstrom, vielleicht eher verlorengeht. Ganz gewiss jedoch geht die nachträgliche Einsicht in den Prozess der Textgestaltung verloren. Denn Korrekturen, Verschiebungen, Änderungen vollziehen sich spurlos. Was einmal gelöscht ist, ist vom Winde verweht. Und es ist verloren für immer, nicht wie in alten Pergamenten, auf denen hinter einem Text oft ein noch viel älterer, noch wertvollerer zum Vorschein kommt. Verstehen Computer können Buchstaben lesen, speichern, darstellen und drucken, das erscheint uns heute banal. Wenn ein Computer den Satz "Hallo, ich bin Eliza. Was ist dein Problem?" auf den Schirm wirft und den Cursor blinken lässt, kann niemand der Versuchung widerstehen, etwas einzutippen. Und wenn er scheinbar sinnvolle Antworten erhält, ist er schnell bereit, dem Computer die Fähigkeit zuzusprechen, nicht nur Computerchinesisch, sondern auch natürliche Sprache zu verstehen. Joseph Weizenbaum, der das Programm ELIZA geschrieben hat, musste bestürzt feststellen, dass Personen, die den simplen "Dialog" mit Eliza am Terminal führten, rasch eine emotionale Beziehung zur Maschine herstellten. Seine Sekretärin schickte ihn sogar aus dem Büro, wenn sie sich mit Eliza über ihre Probleme unterhielt. An dem Experiment wurde ihm klar, dass "ein extrem kurzer Kontakt mit einem relativ einfachen Computerprogramm das Denken ganz normaler Leute in eine ernstzunehmende Wahnvorstellung verkehren konnte." Die Wahnvorstellung eben, dass eine Maschine eine natürliche Sprache in ihrer Vielschichtigkeit und Mehrdeutigkeit, mit all ihren Metaphern und Wendungen und in ihrem Sinn verstehen könne. Wenn ich sage: "Es zieht", dann meine ich vielleicht "Schliess das Fenster", wenn meine Frau lüftet. Vielleicht habe ich aber in der Lotterie gerade ein Los gewonnen und gebe meiner Freude darüber Ausdruck. Oder ich habe mir in den Finger geschnitten und Jod auf die Wunde geträufelt. Oder ein Pferd ist vor den Wagen gespannt und ich stelle fest: "Es zieht". So wie das Computerchinesisch nur im Kontext von Bit und Byte Sinn macht, so ist die natürliche Sprache vom Wissen über Gott und die Welt, über unsere Geschichte und meine ganz privaten Gefühle und Erfahrungen und die konkrete Situation abhängig. Und sie entzieht sich der "Verarbeitung" welch hässliches Wort durch den Computer. Heutige Software kann zwar gesprochene oder gedruckte Wörter erkennen und einer Buchstabenkette zuweisen 60 000 englische Wörter erkennt zum Beispiel eine Software von Kurzweil, dem Experten auf dem Gebiet der Spracherkennung, also etwa einen Zehntel des Vokabulars. Software kann Wortketten mit Algorithmen bearbeiten und der Spur nach in eine andere Sprache übertragen und aus den Zeichenketten wieder Wörter und Sätze synthetisieren. Sinn bilden kann sie nicht, also nicht "verstehen" im eigentlichen Sinn. Übersetzungen funktionieren deshalb vorerst nur bei Sachtexten, bei denen jedes Wort das meint, wofür es steht. Ein literarischer Text dagegen arbeitet oft bewusst mit Mehrdeutigkeit, mit Anspielungen, Wortklang, Rhythmus. Der Text erzeugt beim Lesen oder Hören innere Bilder, wir sehen eine Geschichte vor dem inneren Auge ablaufen wie einen Film, mit Rückblenden, mit Zeitsprüngen, Ebenen- und Perspektivenwechsel, während der Text linear dahinströmt: "Wer reitet so spät durch Nacht und Wind? Es ist der Vater mit seinem Kind." Das sehen wir, während die Maschine blind bleibt. Den inneren Transfer von Text zu Bild und schliesslich zu Zusammenhang und Sinn, schafft sie nicht. Den Intelligenztest für Maschinen, den Alan Turing definiert hat, hat bisher kein Computer bestanden. Eine Maschine wäre intelligent, wenn man ihre Antworten am Terminal nicht mehr von den Antworten eines Menschen unterscheiden könnte. Und auch die Romanschreibmaschine, die George Orwell in seinem Roman 1984 prophezeite, welche in der Abteilung für Prosa-Literatur der Parteizentrale Romane in Newspeak für die Proles automatisch erzeugt, ist uns bisher erspart geblieben. Trotzdem hat es nie an Experimenten gefehlt, Texte synthetisch herzustellen. Ein solcher "Literaturprogrammierer" beispielsweise ist Ulrich Müller, bald 75, Gynäkologe und Ägyptologe aus Zürich, dessen Programm SARA Textstrukturen von Poeten und Prosaautoren imitiert und mit Wörtern aus einer "Sprachwolke", dem Weltwissen von SARA auffüllt. SARA kommt vielleicht Orwells Romanschreibmaschine am nächsten. "Zentralistischer Damenschuh. Er war verwendet worden, die Gegenkultur in der Motte zu verwirren. Ein duales, sinnliches Abseits. Klarheit. Kaum Prinzip auf dem Blödsinn." Das hat Sara aus der Sprachwolke meines ersten Romans generiert. Hypertext Als ich im Mai 1990 diesen Vortrag zum ersten Mal hielt einen Teil habe ich kopiert, auch das eine Stärke oder Unsitte der Computertechnik da stand hier der Satz: "Für das nichtsequentielle Schreiben, also Hypertext, wird es nach meiner Voraussage niemals Autoren geben". Meine Voraussage war falsch, denn inzwischen besteht die Welt aus Hypertext, oder zumindest das WorldWideWeb, welches für viele schon die Welt schlechthin bedeutet. Das WWW ist letztlich ein einziger, vernetzer, weltumspannender Hypertext von vielleicht 100 Millionen Dokumenten, von dem meine Home-Page und mein Londoner Tagebuch einen winzigen Bestandteil bilden. Ich habe bei den Schreibstrategien geschildert, wie durch die Computertechnik die lineare Arbeit am Text allmählich aufgelöst wird. Durch das Hypertext-Konzept löst sich die Linearität von Text überhaupt auf. Niemand liest mehr von oben nach unten, von links nach rechts. Denn der Fluss wird dauernd unterbrochen von Links, die mit Klick wieder in eine andere Welt führen. Zeit- und Gedankensprünge, die wir beim normalen Lesen intuitiv vollziehen, machen wir jetzt mit dem Klick des Zeigefingers auf die Computermaus. Aus dem Lesen ist Surfen geworden. Natürlich ist auch dieses Konzept so neu nicht, in unserem Kopf ist jedes Wort ein Hyperlink zu einem inneren Bild. Lese ich "Baum", so assoziiert mein Hirn das Bild eines Baumes. Lese ich in einem englischen Text "Tree" und ich verstehe das Wort nicht, so schlage ich im Lexikon nach. Hypertext ist also nur die Automatisierung eines sozusagen natürlichen Verhaltens im Umgang mit Text. Auch hier delegieren wir weiteres Stück unserer Sprachkompetenz an die Maschine, allerdings mit einer gewaltigen Ressource im Hintergrund. Der "Sprachwolke" des WWW, welches nicht nur Sprache, sondern auch Bild und Film und Klang enthält. Und die verschiedensten Sprachen in buntem Miteinander. Heute diskutiert niemand mehr, ob das Wort "Computer" in der deutschen Sprache erlaubt sei (es ist, Duden sei Dank), wir Netizens surfen fröhlich im Cyberspace, klicken von Hyperlink zu Hyperlink, finden Cookies und freuen und an Applets und waten im Mud. Allein der Netjargon umfasst schon tausende von neuen Wörtern, Newspeak, und durchdringt unsere Zeitungs- und Alltagssprache. Ted Nelson, Autor des Kultbuches "Computer Lib", prägte den Begriff Hypertext schon 1965. Er schreibt in einem Text "Computopia Now!": "Ich will jedes Buch, und ich will, dass es in dem Augenblick, wo es gebraucht wird, in meine Hände springt." Klick! Das WorldWideWeb ist ein solcher Sprachsupermarkt. Tim Berners Lee konzipierte am CERN 1990 das WWW auf der Basis von Internet und die ensprechende Programmiersprache Hypertext Markup Language HTML. Computopia ist schon Alltag. Hypertext und das Zerbrechen der Linearität ist wohl der dramatischste Eingriff in die Sprache und unsern Umgang mit Sprache, welcher durch die Informationsgesellschaft in Gang gekommen ist. Selbst im Briefverkehr, im E-mail, hat sich eine neue, nichtlineare Kommunikationsform entwickelt, indem wir dem Absender seine Fragen zurückkopieren und und unsere Anworten in seinen Text mischen. Dass sich in Hypertext auch eine neue Sparte von Literatur entwickeln wird, wurde mir bei der Teilnahme am ersten deutschsprachigen Internet-Literaturwettbewerb von ZEIT und IBM Deutschland bewusst. Denn es wurde nicht nur Text verlangt, sondern auch visuelle Gestaltung und originelle Programmierung von Hyperlinks. "Den grössten Anklang fanden bei der Jury Beiträge, die aus ihren Links mahr als Fussnoten und Querverweise machten, bei denen man mit der Maus in immer neuen, überraschenden Ebenen herumfuhrwerken konnte, fast in der Hoffnung, endgültig den Überblick zu verlieren und auf ewig in einem Text verlorenzugehen", schreibt Robin Detje von der Jury. Auf dem Internet bilde sich ein
neuer Typus Schriftsteller heraus, den nicht nur Literatur
interessiere, sondern auch Computersprachen wie Java und HTML,
schreibt Sven Stillich in der ZEIT. Auch das eigentlich eine alte
Botschaft. Denn jedes Neue Medium hat seine eigene Ästhetik geformt,
Tontafeln die Keilschrift, das antike Theater das Drama, die Leier
die Lyrik, das Papier den Roman, das Radio das Hörspiel, das
Fernsehen die Seifenoper. Die Computermaus hat uns Hypertext
geboren. |