Das Internet verändert unser Leben
Erschienen am 02. Mai 2008
Niemand kann sich dem Netz entziehen
Niemand kann sich dem Netz entziehen
(Quelle: imago)
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Gemeinhin stellt man sich Medien wie Pipelines vor, durch die Information fließt. Das ist auch vollkommen richtig, jedenfalls wenn diese Metapher wirklich verstanden wird. Vergegenwärtigen wir uns einmal ein Netz von Pipelines: Wie verändert es die Welt? Nicht nur durch das darin strömende Öl oder Gas, sondern auch durch seine Existenz. Es verteilt Zugangspotenziale, schließt Länder und Regionen zusammen, wirtschaftlich und politisch, es schafft Konflikte und Koalitionen – allein schon dadurch, dass es vorhanden ist.

Und nun das Internet: Es ist permanent und fast überall zugänglich, "information at your fingertips", wie Bill Gates vor Jahren formulierte. Eine Alltagswirklichkeit wie die Tapeten in unseren Räumen. Immer da. Und während Sie diese Sätze lesen, schnurrt die Globalisierung um Sie herum weiter, und Sie können jederzeit via Internet in sie hineinsehen, sie eigenhändig weitertreiben. Das Netz stattet uns mit dem Potenzial aus, uns am Weltgeschehen, am Lokalgeschehen, am Individualgeschehen zu beteiligen, egal wo.

Was wollen Sie als Nächstes tun? An der New York Times Online mitschreiben, den Streit um einen Bebauungsplan in Kleinkleckersdorf weiterführen, auf Facebook oder Twitter mit einer Gruppe von Menschen kommunizieren, jemandem eine E-Mail senden? Oder einmal eine Zeit lang gar nicht auf Mails und Community-Nachrichten und SMS reagieren, was ja ebenfalls ein Signal ist? Tun Sie, was Sie wollen – durch sein bloßes Vorhandensein hat das Internet, so wie wir es heute kennen, unsere Existenz verändert. Unsere Art, die Welt wahrzunehmen und von ihr wahrgenommen zu werden.

Das Netz berührt alle Sphären des sozialen Daseins. Die Arbeit, den Güteraustausch, den Konsum, die Privatsphäre, die Öffentlichkeit. Schon allein dadurch, dass es möglich ist, mit Hilfe des Internets von einer dieser Sphären zur anderen zu springen, ja zwischen ihnen zu oszillieren. Was heutzutage – und zu Recht! – beklagt wird, nämlich die unablässige Störung und Unterbrechung, der Verfall der Konzentration, das sind Kosten; der Zugewinn ist die Freiheit, sich in jedem Moment für die Teilnahme an einer dieser Sphären entscheiden zu können.

Ein anthropologisch bedeutsamer Sprung liegt damit hinter uns. Denn mit dem Aufkommen der Arbeitsteilung und der mit ihr einhergehenden sozialen Schichtung, Strukturierung, Institutionalisierung wandelte sich auch die Wahrnehmungsweise der Menschen. Sie bewegte sich von der Gleichzeitigkeit zur Konzentration, von der Synchronizität zur Diachronizität. Die Aufmerksamkeit ging nicht mehr in alle Richtungen, der Mensch spezialisierte sich. Er wurde Handwerker, Priester, Machthaber. Mit dieser Finalität des Handelns ist nun heute nicht etwa Schluss; aber dass der Mensch im Netz wieder ein nach allen Seiten spähendes Wesen – dass er ein Gleichzeitiger wird, können die meisten von uns gut an sich selbst beobachten.

Nehmen wir die Arbeit. Als das Internet aufkam, dachten viele Experten, nun löse sich die alte Arbeitswelt auf, und wir würden alle zu selbstständigen Anbietern unserer eigenen Arbeitskraft werden – online, im Büro, im Wohnzimmer und, ganz toll, am Strand. Doch das war zu einfach gedacht, es kam nicht so. Die meisten von uns haben nach wie vor einen Arbeitgeber, haben Arbeitszeiten und einen außerhäuslichen Arbeitsplatz. Mit anderen Worten: Die Hülle hat Bestand, doch in ihrem Inneren hat sich vieles verändert und verändert sich weiter.

Der durchschnittliche Arbeitnehmer entscheidet und verantwortet heute viel mehr als früher, er paktiert mit Lieferanten und Kunden, geht in Teams und verlässt sie wieder, muss im schnellen Takt lernen und verlernen. Der Mehrwert wird vielfach nicht mehr an den einzelnen Arbeitsplätzen geschaffen, sondern in der Beziehung zwischen den Menschen. "The link is more important than the thing", heißt das in der Sprache des Marketingforschers Bernard Cova: Die Verbindung ist wichtiger als die Sache selbst.

All das erfordert von den Arbeitenden eine neue Form der Flexibilität, ermöglicht vom "Link" schlechthin, dem Internet. Kontakte, Kooperationen und Kontrakte werden vielfach über vernetzte Computer angebahnt. Nirgends hat das so drastische Effekte wie auf den Finanzmärkten.

Heutzutage wird sozusagen mit Kommunikationsüberschwang gearbeitet. Betriebliche Vorgänge sind so transparent wie nie zuvor. Und zugleich prasselt die Propaganda der Führungsebenen auf uns ein, wir werden von E-Mails in die Pflicht genommen sowie von Kollegen, die sich in diesem Medium sicherheitshalber nur mehr öffentlich, vorzugsweise führungsöffentlich äußern (die beliebten cc: an den Chef). Die Möglichkeit, etwas zu lesen oder auf etwas zu reagieren, wird zur Fiktion mit Wirklichkeitscharakter: Wir wurden informiert, wir haben zugestimmt. Wir hätten es wissen müssen. Wir können nicht entkommen.

Wo die Arbeit Last- und Zwangscharakter trägt, wie sollte da das Internet befreiend wirken? Und doch. Es erleichtert nicht bloß den Firmen, schnell hier Jobs ab- und da wieder aufzubauen. Er erleichtert eben auch den Mitarbeitern, am Arbeitsplatz über den Betriebszaun zu blicken, Wissen von außen hereinzuholen – oder sich selbst hinauszubegeben, vielleicht sogar den Abschied zu nehmen. Der allgegenwärtige Möglichkeitscharakter, den das Netz aufweist, verändert allein durch sein Vorhandensein die Arbeitssphäre. Die Vernetzung steigert die Anforderungen, manchmal auch den Wahnsinn im Betrieb – aber sie macht es den Menschen zugleich möglich, mit diesen Anforderungen umzugehen.

Für den Markt der Verbraucher gilt das Gleiche. Der informierte Kunde im Geschäft, im Restaurant, im Hotel, im Behandlungszimmer ist zwar kein neues Phänomen, aber verändert hat sich eben doch etwas: Der Verkäufer tritt heutzutage nicht mehr nur einem Käufer, sondern der Käufersphäre gegenüber, die sich über soziale Netzwerke organisiert. Kaum noch ein Hotel wird gebucht, ohne dass die Reisenden sich die Kommentare und Fotos im Internet angeschaut haben. Ob Autos, Computer oder Kinderspielzeug – alles wird kommentiert und wieder kommentiert. Und wenn der Anbieter sich verkalkuliert, wenn er einmal schlechte Ware bietet oder mit der Produktion die Umwelt verpestet, kann ihn ganz schnell der Zorn der Masse erwischen, die sich per Internet gegen ihn zusammenschließt.

Eine neue Macht des Verbrauchers? Ja. Aber auch den Unternehmen stehen neue Mittel der Einflussnahme zur Verfügung. Sie produzieren kleine Kultfilme für die Videoplattform YouTube und nennen das "virales Marketing", weil sich ihre versteckte Botschaft wie ein Virus verbreiten soll. Sie lassen ihre Kunden für sich arbeiten, etwa wenn Lego für die Entwicklung neuer Produkte von seinen Internet-Fangemeinden lernt oder wenn Logistikfirmen ihre Kunden dazu bringen, online nach dem Status des versandten Pakets zu schauen – anstatt einen teuren Mitarbeiter anzurufen.

Wer in dieser neuen Warenwelt zu den Gewinnern zählen will, muss sich gut auskennen. Muss wissen, wo die Informationen à jour sind und wo nicht und was die neuen Tricks der Werber und Verkäufer im Netz sind. Das Konsumleben bietet Tausende neuer Freiheiten, und es wird wie das Arbeitsleben auch komplizierter und schneller. Der vernetzte Konsum ist nicht nur global geworden in dem Sinne, dass dem Kunden beinahe sämtliche Güter der Erde zur Verfügung stehen, Kaufkraft vorausgesetzt, sondern er ist auch der Standardisierung entkommen.

Ob wir kochen oder lesen, Filme oder Bilder ansehen, spielen oder uns kleiden, das Internet bietet Information, Wissen, Anregung – genauer: Die anderen im Internet bieten uns das alles. Das Private war ja nie rein privat, ist selbst eine soziale Konstruktion sowie ein Feld, auf dem sich Gesellschaftliches bewegt, doch mit dem Internet wird es noch einmal durchsozialisiert, von Grund auf, weltweit und in Echtzeit. Wir pflegen unsere Freundschaften mit Netzhilfe, schreiben und verabreden uns und, was ein sozialer Akt par excellence ist, wir stilisieren unser Image mit Hilfe des Netzes. Es ist der soziale Äther der heutigen Zeit geworden.

Muss man sich nicht, wenigstens für einen Moment, für diese Entwicklung begeistern? Die Extension des Menschen ins Netz ist eine geschichtsformende Wendung. Und doch muss man auch – über Arbeit und Konsum hinaus – nach dem Preis fragen, den die Menschen für diese Wende bezahlen. Es war der vor fünf Jahren verstorbene New Yorker Medienprofessor Neil Postman, der uns daran erinnerte, stets nach den gesellschaftlichen Verlusten zu fragen, wenn ein neues Medium unsere Wahrnehmung und unseren Umgang miteinander zu verändern beginnt. Jedes Mal sei das eine Art faustischer Handel, meinte der Amerikaner: Wir entscheiden uns leider allzu oft für die neuen Möglichkeiten, ohne an die erst in der ferneren Zukunft offenbar werdenden Verluste zu denken, Verluste an seelischer Gesundheit eingeschlossen.

Die Generalfrage, die zu stellen Postman uns ermahnte, war diese: Was lässt das neue Medium jetzt, nachdem die erste Verteidigungslinie der Bedenkenträger durchbrochen ist und allseits Jubelstimmung herrscht, nicht mehr zu? Was macht es kaputt? Das Aufmerksamkeitsspiel im Internet zerstört beispielsweise die Dominanz des klassischen Expertendiskurses, der noch die Fernsehrunden dominierte. Amateurexperten können die Oberhand gewinnen. Das kann dem öffentlichen Diskurs und der Meinungsbildung sogar förderlich sein, weil die Debatte womöglich weniger vermachtet ist und weil die Intelligenz der Gruppe mitunter derjenigen des Individuums überlegen sein kann, und sei es noch so gebildet oder sonst wie herausgehoben.

Doch es droht zugleich eine andere Entwicklung, in der die uninformierte Meinung oder gar die klandestin gelenkte Tendenz die Öffentlichkeit dominiert, und zwar schneller und auch deutlicher als in anderen Medien. User-generated content ist nicht nur ein Business-Traum, weil er Kosten senkt und eine neue Bindung zwischen Mediennutzern und -firmen herstellt, sondern auch Stoff eines Albtraums vom Zerfall der Qualität des öffentlichen Diskurses.

Neil Postman war klar, dass, wie er sagte, "das neue Medium immer gewinnt", und das wollte er auch gar nicht verhindern. Doch zu versuchen, die Verluste rechtzeitig festzustellen und zu einem Zeitpunkt, zu dem es vielleicht noch geht, zu verringern – das ist ein Vermächtnis, das uns gerade jetzt, in den frühen Zeiten des Internets, zum Programm werden sollte. Das Internet ist ja nicht einfach ein Addendum zum Gespräch, zum Druck, zum Film, zum Rundfunk und Fernsehen; es ist das Medium aller Medien, privat und öffentlich zugleich, ist alles Vorherige und noch viel mehr.

Postmans Erbe fällt nicht nur an die Gesellschaft, sondern auch an den Einzelnen, der für sich bestimmen muss, wo er sich auf das Netz einlässt und wo nicht. Überall dabei zu sein geht eben nicht. Diese Spannung kann tatsächlich seelisch krank machen, diese Qual der Wahl! Wer mit dem Netz lebt, muss abwählen lernen. Und zwar weit über den klassischen Konsum hinaus, dessen Sphäre mit anderen Lebensbereichen verschränkt wird. Dem Netz als souveränes Individuum entgegenzutreten ist nicht leicht, erfordert Ichstärke.

Angesichts dieser Anforderungen kommen allerlei Distanzierungen vom Internet auf. Sie klingen leicht verzweifelt, sehr bemüht. Verbreitet ist etwa die Sprechweise, die das Netz als "virtuell" bezeichnet, um es von der "Wirklichkeit" abzugrenzen. Das ist aber unangemessen. Dann müsste ja auch dem Telefonieren der Realitätsgehalt abgesprochen werden. Nein, mit dem Netz wird vielmehr eine weitere Realität aufgespannt, und mehr noch, diese ist nicht einfach ein Zusatz, sondern sie verändert den Rest. Allein schon dadurch, dass sie eben dessen Wahrnehmung verändert. Nehmen wir nur Google Maps und Google Earth, die uns mit Karten und Satellitenaufnahmen die Erde auf neue Art erschließen: Das sind Funktionen, mit deren Hilfe wir den Raum, in dem wir uns bewegen, anders sehen als bisher.

Und dort, wo das Netz nicht ist, gibt seine Abwesenheit dem Anwesenden eine andere Färbung. Wie jede andere zeigt auch diese Technik ihre Wirkung gerade dann, wenn sie nicht zur Verfügung steht. Wenn kein Netz erreicht werden kann, wenn kein Gerät mitgenommen wurde oder wenn die Kommunikation gerade nicht netzvermittelt ist. Die Authentizität des Kunstwerks, der unübertreffliche Breitbandcharakter des persönlichen Gesprächs, die körperliche Inszenierung einer Aufführung oder ebenso gut des politischen Wahlakts – der kommunikative Reichtum dieser Begegnungen tritt umso deutlicher hervor, je mehr das Netz unser alltägliches Sozialmedium geworden ist.

Es führt kein Weg daran vorbei: Das Internet ist Realität. Wir, die wir in der erweiterten Realität agieren, offline und online, müssen seine Funktionsweisen verstehen lernen, müssen sehen, worin es gut ist und worin schlecht, damit wir nicht im Netz zappeln wie die Fische, sondern es vielmehr nutzen, um unsere Freiheitsspielräume zu erweitern.