Neustart des Internets


 
 
Vinton Cerf gilt als "Vater des Internet". (Foto: Google Inc.)
Bild großklicken
Vinton Cerf gilt als "Vater des Internet". (Foto: Google Inc.)
Der Welt steht eine völlige Umstrukturierung des Internet bevor. Wenn es nach den besten Köpfe der Informatik-Szene geht, muss ein komplett neues Netz her. Die Forscher fordern einen radikalen Kaltstart, um bestehende Probleme zu lösen. Unter ihnen ist auch der "Vater des Internets", Vinton Cerf. Ihm zufolge genüge die heutige Technik "längst nicht allen Ansprüchen". Vor allem der Mangel an integrierten Sicherheitsvorkehrungen in der Web-Architektur bereitet den Forschern Kopfschmerzen. Hintergrund ist eine veraltete Technik, die aus einer Zeit stammt, in der Web-Bedrohungen wie Spam, Trojaner und Phishing-Seiten nicht existierten. Ziel soll es sein, diese Sicherheitsrisiken möglichst einzudämmen.

"Ein Wunder, dass das Netz noch funktioniert"
Professor Dipankar Raychaudhuri von der Rutgers Universität im US-Bundesstaat New Jersey hält es für ein Wunder, dass das Netz noch funktioniert. Es sei unter vollkommen anderen Gesichtspunkten entstanden, als unter denen das Netz heute genutzt werde. Die in den 60er Jahren entstandenen Internet-Protokolle sollten die Kommunikation zwischen Universitäten und Regierungsbehörden erleichtern. Das Internet war vor allem eine Übertragungseinrichtung von Wissenschaftlern für Wissenschaftler – an YouTube und Co. dachte damals noch niemand. Ziel war es, Daten zu befördern. Ob diese Daten bösartige Trojaner oder nur eine Terminvereinbarungen enthielten, war bei der Entwicklung des globalen Netzes unerheblich. Heutzutage werden Webschädlinge aber immer mehr zu einem Problem, da diese die Schwachstellen des globalen Netzes zu kriminellen Zwecken ausgenutzt werden.

Nächste Seite: Radikaler Wandel wird Milliarden verschlingen
 

Radikaler Wandel wird Milliarden verschlingen


 
Kommt bald ein Wandel beim Internet? (Grafik: T-Online)
Bild großklicken
Kommt bald ein Wandel beim Internet? (Grafik: T-Online)
 
Als das Internet entwickelt wurde, waren die Computer groß und langsam, Speicherplatz sehr teuer und Verbindungen unzuverlässig. Für Dipankar Raychaudhuri ist nun die Zeit gekommen, die Internetarchitektur zu erneuern. Dies würde zwar Milliarden an Investitionen verschlingen, da Hardware ausgetauscht und Abermillionen Programmzeilen neugeschrieben werden müssten. Der Aufwand aber lohne sich: Das Ergebnis sei ein verbessertes Internet, das bestehende Verbindungen viel effizienter nutze.



Internet ist eine komplexe und unübersichtliche Angelegenheit
Das heutige Internet ist ein riesiger Flickenteppich, der vor Mängeln nur so wimmelt. Im Laufe der Jahre sind so viele neue Anwendungen und Hilfskonstruktionen auf das ursprüngliche System aufgepfropft worden, das aus einer ursprünglich simplen Kommunikationstechnologie eine überaus komplexe und unübersichtliche Angelegenheit entstanden ist. David Clark, einst leitender Protokollarchitekt des Internet und heute Professor am renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT), erklärte gegenüber dem Wissenschaftsmagazin Technology Review, welches Ziel eine Weiterentwicklung des Internet seiner Meinung nach haben solle: "Wir müssen alle existierenden Technologien so kombinieren, dass wir ein grundsätzlich anderes System erhalten." Doch wie soll dieses System aussehen?

Nächste Seite: "Sicherheit wichtigste Motivation für einen Neuentwurf"
 

Neuentwurf soll mehr Sicherheit bieten


David Clark hat konkrete Vorstellungen, wie das neue System auszusehen hat und plädiert für eine radikale Lösung. Vor allem anderen sei ein größeres Maß an Sicherheit die "wichtigste Motivation für den Neuentwurf". Zudem sollten die Internet-Protokolle eine größere Praxisnähe bieten, sodass fortschrittlichere Dienste angeboten sowie eine bessere Steuerung der Datenströme ermöglicht werden könnten. Zudem solle eine neue Technologie die Verwaltung des Netzes erleichtern und dieses widerstandsfähiger machen. Die von Clark formulierten Ziele liegen keinesfalls in weiter Ferne: Verschiedenste Einrichtungen beschäftigen sich bereits mit der Entwicklung des Netzes von Morgen.

Tipps zum Durchklicken Was Sie über Google noch nicht wussten

Experimentelle Netze und neue Software sind im Entstehen
Die National Science Foundation arbeitet an einem experimentellen Netz mit dem Namen Global Environment for Network Innovations (GENI). Mit im Boot sind renommierte US-Universitäten wie die Rutgers Universität, Princeton oder das MIT. Aber auch die US-Armee und das europäische Future Internet Research and Experimentation (FIRE) haben ähnliche Konzept auf ihrer Agenda. Einige Technologien sind bereits entwickelt: So wird heutigen Routern eine Hightech-Software aufgestülpt, die den Datenstrom nach Schädlingen durchsucht und im Zweifelsfall aktiv warnt. Andere Programme beugen einem möglichen Datenstau vor, indem sie den Verkehr umleiten.

 

Nächste Seite: Wann kommt das "neue Netz"?
 

Wann kommt das neue Netz?


GENI plant mit seinem Ansatz Clean Slate den schrittweisen Aufbau einer neuen Netzstruktur. Diese könnte zunächst parallel zum heutigen Internet entstehen und das aktuelle Web nach und nach ersetzen - frühestens aber in 15 Jahren. Die Forschung stecke schließlich noch in den Kinderschuhen. Zudem sei der Kostenfaktor nicht zu unterschätzen. Guru Parulkar von der Stanford Universität beziffert die Kosten alleine für den GENI-Forschungsaufwand auf über 350 Millionen Dollar, die restlichen Projekte werden auf zusammen 300 Millionen veranschlagt. Eine gute Investition findet Jonathan Zittrain, Professor an den Universitäten Oxford und Harvard: "Das Internet ist für viele absolut überlebenswichtig."

Zweifel an einem Internet-Neustart
Leonard Kleinrock, einer der Urväter des Internets, bezweifelt eine baldige Umsetzung der neuen Konzepte. Wie das amerikanische Wissenschaftsmagazin Physorg berichtet, denkt der Professor von der UCLA nicht, dass zu seinen Lebzeiten ein Internet-Neustart vollzogen wird: "GENI wird das Internet bestimmt nicht ersetzen, aber viele Entwicklungen werden wohl irgendwann dort Eingang finden."